•• Neue Arbeit für Mülheim ••

 

Eine Initiative der Bürgerdienste Köln-Mülheims
c/o INA (Institut für Neue Arbeit)
* Düsseldorfer Str. 74 *
51063 Köln Tel: (0221) 640 52 45 o. 640 31 52 *
Fax: (0221) 640 31 98
EIN ARBEITSPAPIER ZUM WEITERDENKEN UND FORTSCHREIBEN

Druckversion: Mühlheimer Erklärung 4.S, als pdf (184 kb)

 

Auch die Menschen in Mülheim wollen arbeiten; sie brauchen neue und langfristige Arbeitsplätze.

Auch die Menschen in Mülheim wollen das Gelernte und Erprobte auf Dauer anwenden.

Die Ein-Jahr-Perspektive ist zu wenig – am Ende bleibt oft Enttäuschung.

Auch die Menschen in Mülheim können und wollen selbst aktiv werden.

Auch die Menschen in Mülheim brauchen arbeitsnahe, preiswerte Wohnungen.

Auch die Menschen in Mülheim wollen ihre lebenswerte Umwelt selbst mitgestalten.

Auch die Menschen in Mülheim brauchen Qualifizierung und wollen Weiterentwicklung dessen, was sie schon können.

Auch die Menschen in Mülheim wollen mitbestimmen; sie wissen selbst am besten, was sie können und brauchen.

Auch die Menschen in Mülheim schließen sich in Genossenschaften, Kooperativen und Projekten zusammen, statt sich auseinanderdividieren zu lassen.

Verwalten von Armut ist teuer – Alles Geld, das in Beschäftigung geht, bringt „Gewinn“.

Die Mülheimer Bürgerdienste (Mülheimer Institutionen und Initiativen) wollen diese Prozesse begleiten und voranbringen, sie wollen neue Ideen aufgreifen und werden diejenigen unterstützen und Mut machen, die sie umsetzen wollen. Die Mülheimer Bürgerdienste bieten ein breites Spektrum der Hilfe zur Selbsthilfe.

 

Die Stadt hat Maßnahmen angekündigt, welche die Situation der Stadtviertel und der Menschen in den Vierteln verbessern sollen:

•• Förderung der Selbsthilfe

•• Berufliche soziale Integration

•• Unabhängigkeit von Sozialhilfe

•• Stärkung der sozialen Infrastruktur im Stadtteil

•• Wohnumfeldverbesserung

Im folgenden unterbreiten wir Vorschläge für die Umsetzung unserer Ziele

Seit 1984 ist Mülheim-Nord Sanierungsgebiet. Die Sanierung hat eine Verbesserung des Wohnens und des Wohnumfeldes gebracht. In Teilen Mülheims, da wo die Sanierung gegriffen hat, hat sich das Leben für die Mülheimer gebessert. Im Bereich Arbeit war die Sanierung bisher eher kontraproduktiv. Neue Arbeitsplätze sind nicht entstanden, bestehende Arbeitsplätze sind abgebaut worden. Durch die unsinnige Innenhofentkernung sind vor allem kleine Betriebe geschlossen worden; diese waren oft aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht in der Lage, auf der grünen Wiese ihre Betriebe neu entstehen zu lassen. Dazu kommt, daß auch die Großindustrie massenweise Arbeitsplätze wegrationalisiert hat. Mülheim ist einer der Stadtteile mit der höchsten Arbeitslosenrate in Köln, gleichzeitig sind keine neuen Arbeitsplätze in Sicht. Wir sind der Auffassung, daß die Sanierung hier noch eine Pflicht zu erfüllen hat: z. B. in Bezug auf das Gelände des Mülheimer Güterbahnhofs. Dieses Gelände eignet sich vorzüglich, die genannten Sanierungsmängel wenigstens teilweise wieder auszugleichen.

Wie lassen sich die obengenannten städtischen Ziele in Köln-Mülheim erreichen?

Durch die beschriebene Entwicklung des Arbeitsmarktes in Mülheim und insbesondere im Sanierungsgebiet gleiten immer mehr Menschen in die Sozialhilfe ab. Die Stadt ist nicht mehr in der Lage, die dadurch entstehenden Kosten zu tragen. An dieser Stelle ruft die Verwaltung „Pro Veedel“ ins Leben, welches die o.g. Ziele propagiert. Diese Ziele können die Mülheimer Bürgerdienste und Initiativen nur unterschreiben. Leider hat diese Aktion einen Pferdefuß. Die Verwaltung will damit 15 Millionen DM einsparen. Die Mülheimer Initiativen und Bürgerdienste wollen auch Geld einsparen, aber wir sind der Meinung, daß das nur langfristig möglich ist. Voraussetzung für Einsparungen ist nämlich, daß die Entstehung einer Struktur des Zusammenlebens gefördert wird, in der die Menschen wieder für sich selber sorgen können, und so die öffentliche Unterstützung abbauen helfen. Diese sozialpolitische Maßnahme, die wir als „Eigenarbeit“ bezeichnen wollen, stellt eine Ergänzung dar zu bestehenden Maßnahmen der Arbeitsförderung und benutzt so weit wie möglich deren Instrumente. Sie setzt sich ab von einer Politik der reinen Leistungskürzungen, die zur Ausweitung der direkten Armut, zur Ghettobildung und Verelendung der Bevölkerung führt. (Politik der Polarisierung)

Sie unterscheidet sich auch von der Umwidmung von individuellen Sozialleistungen hin zu einer subventionierten, untertariflich bezahlten Beschäftigung. Diese schafft eine kurzfristige Entlastung des städtischen Haushalts zumeist auf Kosten von Bundesmitteln. (Karussell-Politik)

Der Einsatz solcher Mittel wie Arbeit statt Sozialhilfe scheint uns nur gerechtfertigt, wenn dadurch eine langfristige Besserung erreicht wird.

Ausgaben können aber ebenso vermindert werden, wenn politische Rahmenbedingungen geschaffen werden, die zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität in den von Erwerbslosigkeit besonders betroffenen Stadtteilen führen. Hierbei wird auf selbstbestimmtes Leben und auf Eigenarbeit der dort lebenden Leute gesetzt. Diese Politik setzt auf langfristige Kostenentlastung bei gleichzeitig steigender Lebensqualität. (Quartier-Politik)

Quartier-Politik heißt:

•• Bereitstellung von Grund und Boden (z. B. Industriebrache) in Erbpacht

•• Überlassen von sanierungsbedürftigen Gebäuden für preiswertes Wohnen und für handwerkliche Arbeiten, für Selbsthilfeprojekte, für Kultur und Info

•• Nutzbarer Boden für Garten- und Gemüseanbau

Für das Projekt >NEUE ARBEIT FÜR MÜLHEIM< eignet sich die Fläche des ehemaligen Güterbahnhofs Mülheim vorzüglich, weil sie als Ersatz- und Ergänzungsgebiet zur Sanierung gehört und damit originäre Ziele der Stadtsanierung verfolgt werden. Dies eröffnet u.a. den Zugriff auf Fördermittel. Da sich bereits abzeichnet, daß weitere Industriegebäude und –flächen in diesem Bereich frei werden, stellt sich damit zugleich die Aufgabe, diese Bereiche wieder an die Wohnbebauung Mülheim heranzuführen und die längst überholte Trennung von Wohnen und Arbeiten rückgängig zu machen. Damit lassen sich auch Ziele der Ressourcenschonung erreichen, wie sie u.a. in der Agenda 21 formuliert worden sind.

Die Umwidmung eines solches Areals nach langfristigen und nachhaltigen Maßstäben kann nicht von Einzelnen und schon gar nicht Hals über Kopf erreicht werden; sie fordert ausführliche Planungen und Mitbeteiligung aller Mülheimer BürgerInnen und Bürgerdienste. Die Erhaltung gelungener „alter“ und das Initiieren „neuer“ Strukturen tragen zur Emanzipation und Weiterentwicklung der Eigen- und Gruppenkompetenz in der „alten“ Umgebung und dem „neuen“ Quartier gleichermaßen bei. Sie fördern die Integration von Vorgefundenem und Neugeschaffenem, von „alter“ und „neuer“ Nachbarschaft.

Um die Diskussion anzuregen, erlauben wir uns hier schon einige Projekte vorzuschlagen, für deren Realisierung bereits Erfahrungen von Gruppen oder Einzelnen zur Verfügung stehen.

•• Solarschule

•• Baurecyclinghof

•• Eigenarbeitshaus (Stadtteilwerkstatt)

•• Bau- und Gartenkollektiv

•• Müllemer Wäschwiever und Jonge

•• Möbel- und Kleider: Aufarbeitung und Verkaufen

•• Reparaturdienste

•• Bau von Werkstattgebäuden und Wohnungen

•• Sozialstation und Hospiz

•• Für den kulturellen Bereich bietet sich das Einbeziehen des „Kulturbunker“ und der MÜTZE an.

Auf dem ehemaligen Güterbahnhofsgelände ( Unbestelltes Land ) kann ein neues Viertel mit hoher Lebensqualität, mit neuen Arbeits- und Existenzmöglichkeiten, ein Stadtteil „zum Anfassen“, ein „sinnliches Quartier“ entstehen:

Wohnen im Grünen mit dem Garten zur Selbstversorgung – Arbeiten gleich um die Ecke – Spiel im Blickkontakt der Eltern – Feiern mit den Nachbar, statt sie zu stören – Sich als Jugendliche in „Nischen“ (auch mal unbeobachtet) zurückziehen können – Sich gegenseitig Versorgen: Einkaufen, Pflegen, Beraten, Helfen, Besuchen, Begleiten – Leben auf der Straße könnte wieder möglich sein – eine Streitkultur entwickeln – Mitentscheiden, Mitgestalten, was in meiner Nachbarschaft passiert und was passieren soll.

Dieses neue Veedel ist ein offenes, es bietet Arbeiten, Lernen und Genießen auch für die Menschen aus der „weiteren“ Nachbarschaft:

Komm und tu‘, was Du wirklich machen willst: an einem regulären Arbeitsplatz oder im Rahmen des Konzepts „Lokale Ökonomie“.

Die Vision auch der Menschen in Mülheim ist: Wir leben sozial-ökologisch-ökonomisch gesichert (ohne Vorrang des einen oder anderen Aspekts).

Die Vision auch der Menschen in Mülheim ist: Den Generationenvertrag zu erneuern Einen Nationalitätenvertrag zu schließen Die Integration aller Gruppen (jung oder alt, gehandikapt oder überdurchschnittlich oder zum Durchschnitt gehörend, Hand- oder Kopfarbeiter, krank oder gesund,... oder) zu schaffen.

Köln-Mülheim, den 12.06.1997

 

Wir unterstützen die Mülheimer Erklärung in ihrer Fassung vom

12. Juni 1997

 

Arbeitskreis „lokale Ökonomie“

Bauen Wohnen Arbeiten e. V.

Böcking Treff e. V.

Bürger für Obdachlose e. V.

Institut für Theorie und Praxis der Neuen Arbeit e. V.

Interessengemeinschaft Keupstraße e. V.

Kulturbunker Mülheim e. V.

Kunstverein Köln rechtsrheinisch e. V.

Lützer, Ulla, PDS MdB

Mach mit e. V.

Marciniak, Bodo, Architekt

MitarbeiterInnen der Familienberatung der Christlichen Sozialhilfe e. V.

MitarbeiterInnen der Familienberatung der Stadt Köln,

Stadtbezirk Mülheim

MitarbeiterInnen der JobBörse Mülheim

MitarbeiterInnen der Kölner Selbsthilfe e. V.

MitarbeiterInnen der Regionalen Arbeitsstelle zur Förderung ausländischer Kinder und Jugendlicher (RAA)

MitarbeiterInnen der Volkshochschule, Zweigstelle Mülheim

MitarbeiterInnen des Arbeitslosen-Bürger-Zentrum (ABC), Köln-Höhenhaus

MitarbeiterInnen des Don-Bosco-Club e. V.

MitarbeiterInnen des Interkulturellen Dienstes der Stadt Köln, Stadtbezirk Mülheim

MitarbeiterInnen des Internationalen Bundes-Arbeitsprojekt Mülheim

MitarbeiterInnen des Kolpinghaus Köln-Mülheim, Jugendwohnheim

MitarbeiterInnen des Mülheimer Turnverein

Mitglieder der Aktionsgemeinschaft Bürger helfen Bürgern

Dr. Möller, Carola, Sozialwissenschaftlerin

Mülheimer Selbsthilfe Teestube e. V. (MüTZe)

Oesinghaus, Günther, SPD MdB

Ohne festen Wohnsitz e. V.

ProVeedel Mülheim Schäl Sick e. V.

Sozialistische Selbsthilfe Mülheim e. V. (SSM)

Zu Huss e. V.